Willisau, Sigristenhaus zum Heilig Blut

Willisau_Sigristenhaus_Front

Willisau, Zehntenplatz 8, Sigristenhaus zum Heilig Blut, Gesamtrenovation

 Ausserhalb der Stadtmauern von Willisau, vor dem Obertor am Ort eines im Mittelalter begangenen, gotteslästerlichen Frevels steht bis heute die Heiligblut-Kapelle als Sühneheiligtum. Die Kapelle war und ist Ziel regionaler Wallfahrten. Um den Betrieb der Kapelle zu gewährleisten ist seit je ein Sigrist im Nebenamt angestellt. Während dem Ancien régime hatte der Rat der Stadt Willisau drei Kaplaneien und die zugehörigen Sigristenämter zu besetzen, darunter die Pfrund "bey dem Wunderbahrlichen Blueth".

 Wir schreiben das Jahr 1775 und der Rat beschliesst am 26. Januar, dass für den Sigristen zum Heilig Blut im folgenden Jahr ein Haus aufzubauen sei und legt dabei gleich auch das Raumprogramm fest. Zu bauen seien "ein Keller, auf dem Ersten Boden ein stuben, stübli und kuchi, oberhalb auf dem stockh so vill schlaffzimmer als der platz es zulast". Am 18. Januar 1776 wird eine hochrangige Baukommission und der Standort bei der Kapelle für das Sigristenhaus bestimmt, in der der amtierende Schultheiss, der Stadthalter und der Säckelmeister vertreten waren. Die Bauausgaben, an die auch Spenden von Privaten flossen, sind bis ins nächste Jahr belegbar.

Bei der Wahl des Bauplatzes war wohl klar, dass der Sigrist, anders als der Kaplan, möglichst nah der Kapelle ausserhalb der Stadt wohnen sollte. Einerseits mögen dabei der Wunsch nach einer besseren Aufsicht und Disziplinierung der Gotteshausbesucher sowie einer vermehrten Mitwirkung und Kontrolle im Andachtswesen eine Rolle gespielt haben, andererseits war die Erinnerung an den letzten verheerenden Stadtbrand immer noch wach. Ganz generell begann die Stadt ihre engen Mauern zu überwinden und auch Wohnhäuser vor den Toren zu akzeptieren. So gehört das Sigristenhaus zu einem wichtigen, im 18. und 19. Jahrhundert enstandenen vorstädtischen Bereich, welchem eine wichtige Funktion als baulicher Auftakt zum Ortsbild von nationaler Bedeutung zukommt. Seit den 1970er-Jahren klafft allerdings gegenüber dem Sigristenhaus eine spürbare Lücke in diesem Ensemble.

Das Sigristenhaus ist über dem gemauerten Erdgeschoss eine Riegelkonstruktion, welche aussen zur Bauzeit jedoch allein in den Giebelfeldern sichtbar und sonst mit einem glatten Kalkputz  überzogen war. Zumindest die Gebäudeecken an der Strassenfront wiesen wohl grau gemalte architektonische Ecklisenen auf. Dieses barocke Erscheinungsbild blieb bis ins Jahr 1895 bestehen, als das Haus seine vertraute Ansicht mit hölzernen Ecklisenen und dem flächendeckenden Besenwurfputz auf drei Seiten der Obergeschosse erhielt, allein die Westseite wurde wohl witterungsbedingt durch einen gestrichenen Holzschindelrand geschützt. Auch der nordseitige, ursprünglich laubenartige Anbau wurde damals vergrössert und geschlossen. An diesem Bild hat sich auch die jüngste Renovation orientiert. Einerseits weil der Bau bereits rund die Hälfte seiner Existenz so aussieht, anderseits konnten damit die Fragen nach der Konservierung des Riegelwerks und der verbesserten Wärmedämmung einfacher beantwortet werden. Der an vielen Stellen zementlastige und defekte alte Verputz konnte durch einen Isolierputz auf mineralischer Basis ersetzt werden, der an der Oberfläche wieder die Besenwurfstruktur zeigt. In der gleichen Dämmebene wie der neue Putz wurden neue technische Vorfenster eingebaut, welche es erlaubten den zu einem grossen Teil  bis in die Bauzeit zurückreichenden Fensterbestand im Innern zu erhalten.

Der Anbau wurde in der gleichen Dimension durch eine neue, über dem massiven Sockel sehr transparente Holzkonstruktion ersetzt, wo jetzt die Haustechnik, die Erschliessung der Wohngschosse und eine Loggia drinstecken.

Im Innern trifft man noch genau auf das 1775 festgelegte Raumprogramm. Den Keller und das von seiner sehr wechselhaften Nutzungsgeschichte geprägte Erdgeschoss. Im ersten Obergeschoss hat man in der Stube und im Stübchen die seit dem frühen 19. Jahrhundert gestrichenen, barocken Wand- und Deckentäfer renoviert und farblich neu gefasst. Der originale, zweistöckige Kachelofen mit grünen Kacheln kann weiterhin von der Küche aus befeuert werden und sorgt nebst der Zentralheizung für Wärme. In der modern eingerichteten Küche wirkt die alte Hurd als Dampfabzug. Der orginale Treppenlauf führt in das zweite Obergeschoss, wo sich drei schlaftaugliche Räume und neu ein Badezimmer befinden, erschlossen von einem Korridor, in welchem sich die originale Riegelkonstruktion besonders schön zeigt. Auf einen Ausbau des eindrücklichen Estrichs wurde bewusst verzichtet.

Seit seiner Bauzeit bis zur aktuellen Renovation, also fast über 240 Jahre lang, haben immer Mitglieder aus einem Zweig der Familie Hecht das Sigristenamt zum Heilig Blut bekleidet und ihrem Haus Sorge getragen. Sie haben es damit zu einem wichtigen Zeugen des barocken Profanbaus in Willisau gemacht, an dem auch zukünftige Generationen ihre bewegte Geschichte wortwörtlich begreifen können. /hcs